Stacy Overbey

Stacy habe ich an einem der letzten warmen Tage der Badesaison 2018 in einer Zürcher Seebadi kennengelernt. Aufgefallen war sie mir, weil sie bei Zeitung und Kaffee ganz bei sich selbst schien.

Aus der Pistole geschossen

Tee oder Kaffee? Kaffee
Morgen- oder Nachtmensch? Mein Naturell wäre Morgenmensch, meine Arbeit und mein soziales Leben geben mir aber oft das Gegenteil vor.
Schlafen bei offenem oder geschlossenem Fenster? offen
Debbie Harry oder Joan Jett? Debbie Harry
Meryl Streep oder Jane Fonda? beide
Hippie oder Punk im Herzen? Hippie
Kino oder Netflix? Netflix
Flug oder Zug? Zug
Introvertiert oder extrovertiert? extrovertiert
Dein Instagram? @stacyoverbey 

Der Weg

Geboren 1961 in Music City, USA (Nashville) und aufgewachsen in Murray/Kentucky, einem 15’000-Seelen-Städtchen, in dem jede jeden kennt. “Die Zeit war”, erinnert sich Stacy “unbeschwert, aber geprägt von einem Blick nach aussen und der Sehnsucht nach Anonymität”.
Also ging es mit 18 zum Studium an die US-Ostküste; nach Wellesley, eine halbe Stunde ausserhalb von Boston. Ein prestigeträchtiges reines Frauencollege, dessen Mauern auch mal Hillary Rodham Clinton beherbergt haben. Über ihre Zeit dort gerät Stacy ins Schwärmen. Sie beschreibt die positive Dynamik unter den jungen Frauen; dass sie auch als “country bumpkin”, als Landei — sie wird den Begriff noch
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mehrmals auf sich selbst anwenden —, fast ohne Hemmungen sich selbst sein konnte. “Obwohl gewisse Kommilitoninnen um Welten kultivierter waren als ich selbst damals.” Aufregend seien neben dem eigenen Campus-Leben mit englischer Literatur als Hauptfach auch die intellektuellen und “zugegebenermassen ebenfalls die maskulinen” Schwingungen gewesen, die von der nahen Harvard University und vom Massachusetts Institute of Technology ausgegangen seien. “Hier musste ich zum ersten Mal in meinem Leben für schulische Erfolge arbeiten”, sagt sie lachend. Ermutigend sei das gewesen, viel versprechend und “empowering”. Dieser Ausdruck, für den eine griffige deutschsprachige Übersetzung fehlt und damit vielleicht auch das damit verbundene Grundgefühl, dem Amerikanerinnen so viel verdanken. Eine Kraft, die gleichzeitig in einem selbst wächst und von aussen legitimiert ist. “Meine vier Jahre dort waren viel zu schnell vorbei.”
Ähnlich erging es ihr mit den zehn Wochen, in denen sie nach ihrem Abschluss mit ihrer Freundin Laura auf Europareise war. “Die Freundschaft hat gehalten; erst diesen Sommer sind Laura und ich zusammen durch die südenglischen Cotswolds gewandert, statt am distinguierten 35. Klassentreffen in Wellesley teilzunehmen.”
Stacy Overbey
Stacys Traumberuf wäre Journalistin gewesen. Weil der Weg dahin aber nicht klar genug vor ihr lag, hat sie, zurück in Boston, in der Modeabteilung eines Warenhauses angefangen, bis sich das ändern würde. Vielleicht sollte sie noch ihren Master machen? Der Entscheid wurde ihr von einem Schweizer abgenommen. Er hatte eben die Harvard Business School abgeschlossen, ein Jobangebot in der Heimat in der Tasche und eine Idee: Er wollte, bevor er sich in die Fänge der Wirtschaftswelt begab, eine Weltreise machen. Mit ihr. Zusammen sind sie in die Schweiz gereist, haben ein Leben für nach der sechsmonatigen Reise organisiert und sich verlobt. “Zur Beruhigung der Eltern.” Das Unterwegssein hat Stacy dann so richtig mit dem Reisevirus infiziert, aber auch an ihre Grenzen gebracht. Die Armut, der Lärm, die Menschenmassen und nicht zuletzt die Skorpione, denen sie etwa in Indien begegnet ist oder die Höhenkrankheit, an der sie im Himalaya litt, haben sie überwältigt. Was sie nicht wusste: Ihr Verlobter hat sie mit der Reise dem, was sie seither den “princess test” nennt, unterzogen. Den sie bestanden hat. Heute sagt sie, die Abenteuer der damaligen Reise und die wiederholte Selbstüberwindung hätten ihr massiv gut getan. Mit ihrem zukünftigen Mann hätte sie sich durchwegs gut verstanden. “Ihm verdanke ich in weiten Teilen meine Liebe zum Reisen.”
Im Herbst 1986 ist Stacy dann mit ihrem Verlobten in der Schweiz, in Zürich, gelandet, wo sie seither lebt. Arbeiten durfte sie damals als unverheiratete ausländische Frau nicht. Aber deutsch lernen wollte sie, die sich mit mir gerne in einem Mix aus Schweizerdeutsch und Englisch unterhält. Ein Schlüsselbegriff bei Erlernen der Sprache sei für sie das Wort “öppis” gewesen. Zurück in die USA wollte sie seither, ausser für Ferien, nie. “Schon während meiner ersten Europareise 1983 habe ich mich in diesen Kontinent, in das Leben hier verliebt und bis heute schätze ich Dinge wie die europäische Café-Kultur, die grossartigen Museen, die schönen Altstadt-Quartiere…” Ihren amerikanischen Pass hat sie irgendwann aus steuerlichen Gründen abgegeben. Mit 26 hat sie geheiratet und angefangen, für eine Lokalzeitung in ihrer Heimatstadt Murray die monatliche Kolumne “A View from Abroad” zu schreiben. Journalismus. Daneben hat sie an einer Sprachschule Englisch unterrichtet und eine Firma für das Redigieren englischer Texte gegründet.
1991 ist ihr Sohn Raphael zur Welt gekommen, vier Jahre später die Zwillinge Luca und Sophia. Daraus resultierte unter anderem ein unbändiges Bedürfnis nach Zeit für sich selbst. “Eine Stunde pro Woche sollte nur mir gehören.” Sie fand sie beim Yoga.

“Am glücklichsten bin ich, wenn ich
meine Komfortzone verlassen kann.”

Stacy Overbey
Die nächsten zehn Jahre waren geprägt vom Alltag als Familie in einem Zürcher Vorort, gespickt mit regelmässigen Familienbesuchen in den USA. “Transatlantisches Reisen mit Kindern ist Einstellungssache”, ist Stacy überzeugt. Sie greift sich ans Herz und ist sicher “Ich habe meine Kinder zu guten Reisenden, zu Menschen, die abenteuerlustig und neugierig auf Neues sind, gemacht”. Allen voran ihre Tochter habe ihren Reisevirus geerbt.
Irgendwann fand sich ein “Traumhaus am Zürisee“, ein Renovationsobjekt, das “gut war für unsere Ehe”. Es würde der letzte Ort sein, an dem sie in ihrem Leben einziehe, war sie sicher. Die Renovation gelang; Stacy lebte “das klassische Leben an der Zürcher Goldküste.” Ob Zeichen für Probleme in der Ehe klassischerweise dazugehören, lässt sie offen. Auf jeden Fall kam es 2009 auf ihren Wunsch zur Scheidung.
Fünf Jahre lang ist sie mit ihren Kindern danach noch in dem Haus geblieben, neuerdings als Mieterin ihres Ex-Manns. Die Kinder sollten dort volljährig werden, bzw. die Schule abschliessen. Und Stacy sollte ihr erstes eigenes Bankkonto eröffnen — wieder unter ihrem Geburtsnamen. Und nicht nur das: Sie hat eine Firma gekauft, die sie seither führt. The Learning Center in Zürich bietet Nachhilfe für englischsprachige SchülerInnen. “Es war eine Flucht nach vorne. Die Finanzkrise hatte gerade so richtig Fahrt aufgenommen; meine Chancen auf eine Anstellung waren gleich null.” Bereut hat sie den Entscheid nicht. “Er war richtig. Und meine Lernkurve war enorm steil”, erinnert sie sich. Damals hat sie auch ein Muster erkannt: “Ich brauche die Herausforderung. Ob das die Wahl des Colleges war, die Weltreise, die Scheidung… Am glücklichsten bin ich, wenn ich meine Komfortzone verlassen, wenn ich wachsen kann. Der Weg von der Unsicherheit davor zum Triumphgefühl danach zeigt mir wieder und wieder, dass das Vertrauen in mich selbst sich auszahlt.” Dieser Prozess fördert persönliches Wachstum, aber auch Bescheidenheit, ist sie überzeugt.
2014 ist sie dann nicht nur aus dem Haus am Zürichsee ausgezogen. Das hat als Abstand nicht gereicht. Also hat sie das Muster weitergestrickt und sich ein Sabbatical gegönnt. Ihre zweite Weltreise, diesmal ganz allein. Ihre Erlebnisse hat sie in einem Blog festgehalten. Das Archiv gibt es hier.
Seit ihrer Rückkehr 2015 lebt Stacy zum ersten Mal in ihrem Leben allein; ihr aktuelles Zuhause ist eine Mietwohnung in der Stadt Zürich. “Es war nicht ganz einfach, nach einem Jahr Weltreise nach Zürich zurückzukommen. Ohne Kinder wäre ich wohl in Neuseeland gelandet — weit, weit weg von meinem alten Leben.

Das Leben

Was tust du morgens, wenn du aufstehst, als erstes und abends als letztes?
Ich beginne und beende meinen Tag mit Yoga. Morgens geht das tatsächlich los, bevor ich das Bett verlasse.
Wo nimmst du Raum ein?
Das geschieht nicht bewusst in bestimmten Situationen. Aber ich verstecke mich nicht. Ich gehe mit geradem Rücken, leichtem Fuss, klarem und offenem Blick durchs Leben. Suche direktem Augenkontakt, lächle meine Mitmenschen an und platziere gerne mal ein Kompliment
Moment(e) der Selbstermächtigung
Die Antwort hier ist schon wieder: Yoga. Ich respektiere zwar meine Grenzen auf Grund meines Alters und früherer Verletzungen, bzw. Operationen, erkenne aber mein Potential.
Das Gefühl kommt aber auch beim Gedanken auf, mein Geschäft auf die nächste Ebene zu heben.
Die wichtigste Kreuzung in deinem Leben? Der Entscheid, mich von meinem Mann zu trennen.
Wie hat sich im Lauf deines Lebens dein Verhältnis zu anderen und zum anderen Geschlecht verändert?
Männern gegenüber agiere ich heute aus einer Position der Stärke heraus. Ich war nie so selbstsicher wie heute.
Und nicht nur Männern gegenüber gilt: Ich bin viel gelassener als das rothaariges Ich früherer Jahre.
Wofür nimmst du dir, abgesehen vom Yoga, besonders gern Zeit?
Für meine Kinder. Sie verlangen zwar nicht viel, aber ich bin nach wie vor gerne und immer für sie da.
Fürs Reisen. Ich besuche gerne Yoga-Retreats an exotischen Orten und plane schon meine dritte Weltreise.
Und für das bewusste Erleben schöner und einfacher Momente — etwa morgens auf dem Velo — oder für persönliche Begegnungen; auch, wenn sie, typisch amerikanisch, mal oberflächlich ausfallen. Ich finde es wichtig, Aufmerksamkeit zu schenken.
Wo engagierst du dich?
Ich stecke gerade mitten in der Yoga-Lehrerinnen-Ausbildung. Dies mit dem Ziel, das weiterzugeben, was die Praxis mir gegeben hat. Ich möchte zeigen, dass auch ein Körper, der älter wird, “yoga-fähig” bleibt — und damit dem Gesamtsystem Mensch hilft, ein weniger gestresstes Leben zu führen. Damit ist auch gesagt, dass mich die Philosophie, die hinter dem Bewegungsaspekt steckt, sehr anspricht. Das Inklusive im Gegensatz zum Exklusiven der westlichen Welt. Be good and do good, but if you fuck up every now and then… (Zuckt mit den Schultern.)
Welchen Stellenwert hat Sex in deinem Leben?
Der ist wichtig. Ich freue mich über die Tatsache, dass ich mich auch unter der Gürtellinie noch sehr lebendig fühle. Hand in Hand mit der Leidenschaft gehört Sex für mich zu einem runden Leben.
Hast du einen Spleen?
Ich organisiere meine Blusen nicht nur klassisch nach Farbe, sondern auch nach Ärmel-Länge und Material.
Gibt es so etwas wie deine persönliche Lebensphilosophie?
Ich konnte, schon lange bevor ich ins Bildungswesen gewechselt bin, einem Satz von Gandhi viel abgewinnen: Live as if you were to die tomorrow. Learn as if you were to live forever.
Womit verdienst du dein Geld?
Mit meiner Firma.
Stacy Overbey

Der Stil

Welches Kompliment hörst du immer wieder? Kannst du es gut annehmen?
Komplimente bekomme ich für meine Haare, meine Sommersprossen und meine Hüte; seit meiner Scheidung auch für meine Ausstrahlung.
Annehmen kann ich sie immer besser und ich hoffe, ich tue es mit der gebührenden Bescheidenheit. Mit meinen Sommersprossen habe ich bis heute nicht ganz Frieden geschlossen, aber seit ich 40 bin, leben wir in einem Waffenstillstand. Heute erkenne ich, dass meine Haut weitgehend schadlos gealtert ist, weil die Sommersprossen mich immer gezwungen haben, sie besonders gut vor Sonne zu schützen.
Was sind die Lieblingsteile in deinem Kleiderschrank?
Weisse Blusen, von Western inspirierte Boots und Hüte. Und Sonnenbrillen.
Was kaufst du für deine Garderobe besonders gerne ein? Gibt es Bestandteile, bei denen es dir ausgesprochen leicht fällt? Andere, bei denen es umgekehrt ist?
Ich kaufe immer mehr vom Gleichen. Gefühlt ist es aber natürlich immer anders. So wie mein aktuelles weisses Lieblingshemd, das ich diesen Sommer in Hamburg gekauft habe. Oder die Hüte, die ich vorab in Vintage-Läden finde.
Ich trage zu 99% Hosen; besonders gern die Boyfriend-Lederhosen der Marke Zinga. Kürzlich habe ich mir das fünfte Paar gekauft — in rostrot. Viellicht ist das jetzt mal das letzte Paar für eine Weile...
Irgendwann habe ich begonnen, BHs mit Bralets zu ersetzen, weil nicht nur das Einkaufserlebnis bei BHs unterirdisch ist, sondern auch der Tragekomfort.
Hast du eine Lieblings-Alltagstasche oder je nach Laune wechselnde?
Meine Alltagstasche ist ein Tumi-Rucksack — das macht vieles einfacher, die Hände sind immer frei. Abgesehen davon kommt er mir als Velofahrerin entgegen.
Ab und zu, auf Reisen etwa, entscheide ich mich für eine Cross Body-Tasche, die Platz für das Nötigste hat.
Dein Verhältnis zu Schuhen?
Ein ziemlich einfaches. Birkenstocks im Sommer, Boots im Winter. Und Turnschuhe gehen immer, am liebsten Laufschuhe von Asics.
Duft?
Prada Amber. Auch dafür gibt es ab und zu Komplimente.
Wie würdest du deinen Wohnstil beschreiben?
Ich wohne in einer Wohnung in einem neu renoviertem Jugendstil-Haus mit schönen alten Böden und hohen Decken, moderner Küche und Bad. Da habe ich es gern aufgeräumt, aber gemütlich; ich mag das “big sweater feeling”. Farblich dominieren braun, beige und das moosige Grün-Grau, in dem ich die Wände gestrichen habe. Mein Zuhause ist 100% ich.

Der Rest

Welche Musik begeistert dich aktuell?
Die der Australierin Tash Sultana; meine Tochter hat mich auf sie gebracht.
Auf welche Musik greifst du immer wieder zurück?
Die Rolling Stones, Gramatik, Erykah Badu, Ella Fitzgerald, Fleetwood Mac, Mary J. Blige, Boz Scaggs, Aretha Franklin, Stevie Wonder, Lenny Kravitz, Al Green und natürlich David Bowie und Prince.
Wie hörst du Musik?
Auf Spotify. Ich kaufe aber auch noch immer Musik als Downloads, um MusikerInnen zu unterstützen.
Lieblingsbuch? Oder -AutorIn?
Meine LieblingsautorInnen sind John Updike, Jhumpa Lahiri, Milena Moser und Peter Stamm.
Lieblingszeitung/Zeitschrift?
Die New York Times und der New Yorker.
Lieblings-Instagram?
Ich folge vorwiegend FreundInnen. Und dabei bevorzugt solchen, die mir nicht j e d e s Gericht, das sie kochen und j e d e Bewegung ihrer Kinder zumuten.
Für welchen Kulturzweig schlägt dein Herz?
Für das Ballett. Ich habe ein Abo fürs Ballett Zürich.
Verkehrsmittel?
Ein eBike der ersten Generation oder öV.
Deine letzte/nächste Reisedestination?
Ich bin gerade zurück aus Japan. Als nächstes kommt voraussichtlich Los Angeles, wo mein Sohn studiert.
Dein Drink-Klassiker?
Der Manhattan.
Stacy Overbey
November 2018
(c) She's Got A Gun