Die Mutter des Rock 'n' Roll
(aus der Ausgabe vom 28. Oktober 2019)
Wer hat den Rock ’n’ Roll erfunden? Nachdem die Frage hier auftaucht, dürfte mindestens eins klar sein: Es war eine Frau.
Ihr Name war Rosetta Tharpe. Sister Rosetta Tharpe. 1915 im Arkansas geboren, die Eltern Baumwollpflücker und fromm. Im Alter von sechs Jahren, da spielte sie schon Gitarre und ist in der Kirche aufgetreten, ist ihre Familie nach Chicago gezogen. Und Rosetta ist dem Jazz begegnet und seinem dunkleren Cousin, dem Blues. 1938 stand sie, sowas wie eine Krönung für MusikerInnen, auf der Bühne der Carnegie Hall in New York.
Ohne Rosetta hätte die Geschichte des Rock ’n’ Roll einen anderen Lauf genommen. Elvis, Little Richard, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und andere vermeintliche Urheber des Rock wären ziemlich sicher einen anderen Weg gegangen. Cash hat sie seine grösste Inspiration genannt.
Zwar hatte Rosetta ihr Leben in den Dienst von Gott gestellt, doch niemand hat damals leidenschaftlicher und entschiedener elektrische(!) Gitarre gespielt als sie — lange Zeit ausschliesslich zu Gospelsongs. Berühmt geworden ist sie 1938 mit ihrer Platte “Rock Me.” Während mehr als einem Jahrzehnt war sie ein Star, wurde als Sensation gefeiert; 1945 war ihre Aufnahme “Strange Things Happening Every Day” das erste Gospelstück, das seinen Weg in die R&B-Charts fand — als Nummer 2. Ein frühes Modell für das, was wir seither unter Rock ’n’ Roll subsumieren. 1947 holte sie den 14-jährigen Little Richard zu sich auf die Bühne und veränderte damit sein Leben; es war der Impuls zu seiner Künstlerkarriere. 1951 bezahlten 25’000 Fans, um ihrer dritten Hochzeit, sie fand auf einer Bühne statt, beizuwohnen.
In den früheren 1960-er Jahren hatte die musikalische Revolution, die sie eingeläutet hatte, Rosetta vergessen. Sie ging, schwer enttäuscht, nach England, wo sie weiter aufgetreten ist. Inspiriert hat sie weiterhin, wie Bob Dylan erkannt hat, als er in seiner Radioshow sagte: “I’m sure there are a lot of young English guys (sic!) who picked up an electric guitar after getting a look at her.” 1964 hört man Rosetta bei einem Konzert in der Nähe von Manchester sagen: “Oh I love you so, my English friends. For ever and ever until I leave this world.” Das war 1972 der Fall. Erst Jahrzehnte später hat man einen Grabstein auf ihre letzte Ruhestätte gesetzt. Darauf ist zu lesen: “She would sing until you cried, and then she would sing until you danced for joy. She kept the church alive and the saints rejoicing.”