Die Kurve gekriegt

Für Grace Slick war ein konventionelles Leben vorgezeichnet. Doch es kam anders und sie hat den Konventionen nicht nur den sprichwörtlichen Finger gezeigt, sondern auch mal ihre Brüste. 
1939 in einem Vorort von Chicago geboren, der Vater Investmentbanker, die Mutter vor Graces Geburt Schauspielerin und Sängerin. Ab 1957 besuchte sie in New York das Finch College, eine dieser Schulen, die damals junge Frauen auf das Leben in “der Gesellschaft” vorbereitet haben. Zwei Jahre später ist sie an die University Of Miami gewechselt, wo sie in Kunst abgeschlossen hat. Zu ihren anschliessenden Jobs gehörte zwar das Modeln für ein Warenhaus; ihre Ambitionen, sagte sie später, seien damals aber nicht über ein Leben als Hausfrau hinausgegangen. Bereits 1961 hat sie geheiratet, aus “kulturellen Zwängen”, wie sie irgendwann sagte. Allerdings hat sie während ihrer Ehe ihren ersten Song geschrieben — für ein Projekt ihres Ehemanns Jerry Slick, damals Filmstudent. 

If  you don't own the stage you
shouldn't be in rock 'n' roll.

Grace Slick

Zusammen mit Jerry hat Grace dann 1965, inzwischen lebten sie in San Francisco, die Gruppe „The Great Society“ gegründet, inspiriert von einem Konzert der Band Jefferson Airplane. Ein Jahr danach bekam Grace von ebendieser Band das Angebot, ihr beizutreten. Jefferson Airplane hatten damals gerade ihre Debütplatte herausgebracht. Dem epochemachenden folgenden Album „Surrealistic Pillow“ fügte Grace ihre Kompositionen “Somebody To Love” und “White Rabbit“ hinzu. Letztere, das wissen wir heute, ein Acid Rock-Klassiker. Hat je zuvor ein Rocksong aus der Kehle einer Frau ähnlich zwingend und gleichzeitig majestätisch geklungen?
Somebody To Love
Jefferson Airplane
White Rabbit live in Woodstock, 17. August 1969
Jefferson Airplane
Spätestens da mussten sich Graces Gedanken an ein Hausfrauenleben aufgelöst haben wie die Trägersubstanz eines LSD-Trips.
Der psychedelische Westcoast-Rock, ach was: die Rockmusik schlechthin hatte mit Grace Slick eine ihrer ersten Göttinnen.  
Und Grace selbst ein Leben, das geprägt war von einem, wie es scheint, neuen Selbstbewusstsein. Die Ehe mit Jerry war de facto bereits Anfang 1967 vorbei, geschieden wurde sie allerdings erst 1971. Es folgten Affären mit verschiedenen Bandmitgliedern; mit Paul Kantner hatte sie 1971 ihre Tochter China. Die Band wurde reich, aber Grace propagierte und lebte, ganz im Geist der damaligen Zeit, Chaos und Anarchie. Dem konventionellen Leben und der Gutbürgerlichkeit ihres Elternhauses stellte sie barbusige Auftritte und Fotos entgegen; ihre Chaostheorie wollte sie ins Weisse Haus von Richard Nixon tragen, dem sie “LSD in den Tee schütten” wollte. 
Ihre eigene Droge war Alkohol; hier spricht sie 1983 kurz darüber. Der Legende nach soll Grace Steven Stills zum Buffalo Springfield-Song Rock And Roll Woman inspiriert haben. Das Bild ihres Auftritts in Woodstock (oben) hat sich ins kollektive Gedächtnis der westlichen Welt eingeätzt.  
Das folgende Jefferson Airplane-Repertoire bereicherte sie mit Highlights wie Lather oder Hey Frederick, bevor sich die Band in Jefferson Starship und dann nur noch Starship umbenannte.
Es folgten Platten mit Paul Kantner und Soloalben, die allerdings nie den Erfolg der Jefferson Airplane-Jahre kennen sollten. 1976 hat Grace nochmal geheiratet. Offiziell verliess Slick Starship 1988; nach ihrer Mitwirkung an einem Reunion-Album von Jefferson Airplane 1989 zog sie sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und widmet sich heute vorwiegend ihrer Malerei. Einen Eindruck davon, vielmehr aber ihrer bewegten Geschichte und ihres anhaltenden politischen Engagements, gibt es unter anderem auf dem Grace Slick-Instagram-Profil.