Forty Elephants

Starke Frauen brauchen nicht zwingend eine Knarre. Auch sind sie moralisch nicht immer über jeden Zweifel erhaben. Ein weiteres schönes Beispiel dafür beginnt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in London. 

1873 berichten britische Zeitungen zum ersten Mal von den Forty Elephants, einer rein weiblichen Gang, die zwischen 1870 und 1950 die grösste Ladendiebstahls-Organisation Grossbritanniens betrieben hat. 

An der Spitze stand eine gefürchtete “Queen” und ein Schlüsselelement des anhaltenden Erfolgs waren die prüden Zeiten. Mädchen und Frauen konnten sich in den Läden, die sie bestehlen wollten, einfach zurückziehen, weil für sie dort übermässig viel Privatsphäre vorgesehen war. Gekleidet waren sie in speziell angefertigte Mäntel, Kummerbunde, Muffs, Röcke, Pumphosen und Hüte — überall konnte versteckt und verstaut werden. So sind sie zu eigentlichen Raubzügen aufgebrochen, bei denen gerne Waren im Wert mehrerer tausend Pfund zusammengekommen sind. 

1916 fiel die Rolle der Queen der 20-jährigen Annie Diamond zu. Sie  hat mit militärischer Präzision geführt und die Gang in Zellen aufgeteilt, die sich verschiedene Läden und Stadtteile vorgenommen haben. Schnell wurde ihr der Übername Diamond Annie zuteil, ihres harten Schlags wegen, den sie Fäusten voller Diamanten zu verdanken hatte. 

Meist haben die Frauen nicht getragen, was sie erbeutet haben. Lieber waren sie in ehrlich erworbene Mode gekleidet. Die gestohlene Ware wurde zu Geld gemacht — Kleinkram bei Strassenverkäufern, Schmuck in Pfandleihhäusern und Kleidung bei Läden, die Etiketten ausgetauscht und Änderungen an den Stücken vorgenommen haben. 

Ihr Territorium haben die Forty Elephants streng bewacht; von jedem, der auf ihrem Gebiet selbst etwas gestohlen hat, wurde ein Anteil verlangt. Wer nicht spurte, wurde zusammengeschlagen. Oder entführt, bis er es sich anders überlegt hatte. 

Oft ist es nicht bei Ladendiebstahl geblieben. Mit falschen Referenzen wurden Anstellungen in wohlhabenden Häusern organisiert, nur um diese dann ebenfalls auszurauben. Aber auch Erpressung gehörte zum Repertoire; gerne wurden Männer zur Kasse gebeten, die vorher von Gang-Girls verführt worden sind. 

Im 20. Jahrhundert flohen die Elephants dann auch mit starkmotorigen Autos vor der Polizei. Wurden sie gestoppt, waren die Autos sauber — die Ware wurde routinemässig von männlichen Komplizen in Sicherheit gebracht. Männer als Handlanger der Strippenzieherinnen…

Das erbeutete Geld floss in die buntesten Parties oder wurde mit vollen Händen in Pubs, Clubs und Restaurants ausgegeben. Wertschöpfung funktionierte also schon damals auch in moralisch fragwürdigen Kreisen bestens.