Catherine Habasque

Catherine ist mir an einem warmen Abend im Sommer 2019 am Steg zur Münster-Fähre in Basel aufgefallen. Ihre innere Zufriedenheit war ihr an diesem Abend anzusehen und ihr Outfit hat mehr "Paris" gesagt als "Basel".

Aus der Pistole geschossen

Tee oder Kaffee? Kaffee. Wenn ich arbeite aber auch japanischer Grüntee, der hilft mir, wach zu bleiben.
Morgen- oder Nachtmensch? Von Berufes wegen natürlich Nachtmensch; ich habe aber irgendwann gemerkt, dass ich früh morgens ebenfalls gut arbeite.
Schlafen bei offenem oder geschlossenem Fenster? geschlossen
Meryl Streep oder Jane Fonda? Meryl Streep
Hippie oder Punk im Herzen? Punk
Kino oder Netflix? Kino für Filme, Netflix für Serien.
Flug oder Zug? Beides. Ich arbeite wahnsinnig gern in einer Blase der Unerreichbarkeit; sei es im Zugabteil oder im Flugzeug, wenn alle anderen schlafen. Ich denke in diesem Niemandsland anders.
Introvertiert oder extrovertiert? Introvertiert. Ich kämpfe aber dagegen und kann natürlich anderes spielen.
Dein Instagram? @catherine_habasque

Der Weg

Geboren und aufgewachsen in Paris. Mit zwölf, also relativ spät, zum Ballett gekommen; mit 16, zwei Jahre früher als in Frankreich üblich, die Schule mit dem baccalauréat abgeschlossen. "Ich bin ein Jahr früher eingeschult worden als üblich und konnte ein Schuljahr überspringen", blickt Catherine zurück. Zur gleichen Zeit, mit 16, hat sie einen bedeutenden Tanzpreis gewonnen. Bis aus dem Tanz ein berufliches Engagement in Form eines festen Vertrags wird, so die Abmachung mit den Eltern, wird studiert. Die Wahl fiel auf Literatur — "ein Fach, das mich bis heute begleitet".
Als Catherine 19 war, kam es dann, das feste Engagement an einer Bühne.Ihr erster Schritt als Profitänzerin hat sie
Catherine Habasque
nach Bonn geführt, die damalige deutsche Hauptstadt. Zwei Jahre ist sie dort als Solistin aufgetreten, fast ausschliesslich in klassischen Rollen. Auf der Suche nach mehr Modernität ist sie zurückgekehrt nach Paris, engagiert von Jean-Louis Barrault am Théâtre du Rond Point. Daneben hat sie Geld mit Galas und anderen Aufritten verdient.
1988 dann folgte der Wechsel zum Europa Ballet, das Jorge Donn gerade gegründet hatte. "Das Vortanzen", erinnert sich Catherine "fand am Théâtre des Champs-Elysées statt. Mindestens 1’000 Menschen wollten eine Position, der Prozess hat bis spät in den Abend gedauert; die ganze Gegend, jedes Café war voll mit Tänzerinnen und Tänzern, die Stimmung war einmalig. Drei Mal wollte ich aufgeben, wurde aber von Freunden immer wieder überzeugt zu bleiben. Am Schluss wurde ich als eine von zehn Personen engagiert." Das Engagement hat dann aber nur gerade sechs Monate gedauert. Dann hat Maurice Béjart, damals der Lebenspartner von Donn, Catherine bei einer Vorstellung gesehen und sie nach Lausanne abgeworben.
Catherine Habasque
1992 folge der Wechsel zu Nacho Duato an der Compañia Nacional de Danza in Madrid. "Als die kreative Zusammenarbeit neun Jahre später erschöpft war, habe ich gehört, dass das Theater Basel eine Solistin sucht. So bin ich, mit einer Perspektive von einem Jahr, nach Basel gekommen", erzählt Catherine an einem warmen Sommerabend. "Am Theater geblieben bin ich dann sechs Jahre lang; aus Basel weg bin ich nie mehr. Ich wusste, mein Leben wird fortan hier sein."
Damals war sie 42 und wollte ihre eigene Karriere vorantreiben. Seither ist sie als Tänzerin, Choreografin und Produzentin, punktuell auch als Personal Trainerin, selbständig. "Eigene Produktionen auf die Beine zu stellen, ist mir unter anderem wichtig, weil es immer noch zu wenig weibliche Choreografinnen gibt", sagt sie.

"Andere geben die Erfahrungen ihres Lebens
an ihre Kinder weiter.
Ich lasse sie in
meinen Verein einfliessen."

Catherine Habasque
2015 hat sie ihre Berufung um ihren eigenen Verein erweitert. "Eine durch und durch positive Entwicklung. Dancers For The World ist heute mein Leben. Manchmal denke ich, ich bin dafür geboren. Hier bringe ich Menschen, Tanz und all meine Erfahrungen zusammen, sogar das Literatur-Studium. Andere geben die Erfahrungen ihres Lebens an ihre Kinder weiter; ich lasse sie in meinen Verein einfliessen."

Das Leben

Was tust du morgens, wenn du aufstehst, als erstes?
Ich beginne den Tag mit Meditation. Dann folgt eine kurze intensive Sporteinheit und schliesslich gönne ich mir zum Kaffee Inspiration in Form eines Buchs, einer interessanten Rede oder eines Beitrags bei "France Culture".

"Ich betrete die Welt wie eine Bühne."

Wo nimmst du Raum ein?
Ich betrete die Welt, wenn nötig, wie eine Bühne.
Die wichtigste Kreuzung in deinem Leben?
Mit 16 habe ich einen wichtigen Tanzpreis gewonnen, das hat mir Respekt eingebracht. Von da an haben mich Menschen mit anderen Augen angeschaut.
Später, ich hatte erst gerade die Compagnie von Maurice Béjart in Lausanne verlassen, hatte ich die Gelegenheit, mit Nacho Duato an der Compañía Nacional de Danza in Madrid zu arbeiten. Der Anruf dazu kam, als ich in der Badewanne lag. Ich sollte mich innert Stunden entscheiden und innert Wochenfrist beginnen — was ich getan habe.
Wie hat sich im Lauf deines Lebens dein Verhältnis zu anderen und zum anderen Geschlecht verändert?
Als Solotänzerin hat man beruflich bedeutend mehr Macht als Männer. Man ist ihnen wohl einfach auch nicht gefährlich. Den Frauenkampf habe ich vor diesem Hintergrund lange nicht verstanden. Das hat sich geändert, als ich angefangen habe, andere Dinge zu machen, als Choreografin zu arbeiten, zu kreieren, eigene Ideen umzusetzen. Plötzlich musste ich dafür kämpfen, respektiert und anerkannt zu werden. Ich bedaure, dass ich gezwungen war, auch diese Seite des menschlichen Miteinanders kennen zu lernen.
Wie sieht deine Wohnsituation aus?
Ich wohne allein in einer Mietwohnung im Basler Wettstein-Quartier.
Wofür nimmst du dir besonders gern Zeit?
Für die Arbeit. Ich war, nach einem Leben auf der Bühne, wo keine Zeit besteht, getrieben von der Sorge, nichts anderes zu finden, das mich die Zeit vergessen lässt. In der Kreation von Stücken habe ich ein ähnliches Phänomen gefunden, hier kann ich in eine eigene Welt eintauchen; ich kreiere in meinem Kopf; da entstehen Ideen, die später in der realen Welt gesetzt werden. Zeit spielt dabei keine Rolle.  
Wo engagierst du dich?
In meinem Verein Dancers For The World.
Welchen Stellenwert hat Sex in deinem Leben?
Wenn er interessant ist, ist Sex wichtig. Dazu muss ich sagen, dass ich mit Tanzpartnern auf Grund der Mischung von Sinnlichkeit und Risiko, die man gemeinsam erlebt, oft ähnlich intensive Gefühle erfahren habe wie beim Sex — oder noch stärkere. Tanz kann also eine Kompensation für Sex sein. Umgekehrt funktioniert das leider nicht. 
Gibt es so etwas wie deine persönliche Lebensphilosophie?
Ich setze mir moralische und physische Eleganz zum Ziel. Eleganz drückt Respekt für sich selbst und andere aus.
Womit verdienst du dein Geld?
Ich arbeite als Choreographin und Produzentin; mit Menschen, die mich interessieren, auch als Personal Trainerin.

Der Stil

Welches Kompliment hörst du immer wieder? Kannst du es gut annehmen?
Man sagt mir gern, ich sei elegant… Annehmen kann ich Komplimente nicht immer gut. Ich geniesse sie zwar, sofern sie ehrlich sind, fürchte aber, ich enttäusche Menschen oft, weil ich es nicht zeigen kann.
Was sind die Lieblingsteile in deinem Kleiderschrank?
Bicolore-Schuhe von Chanel. Sie sind seit meiner Kindheit der Inbegriff von Eleganz für mich.
Was kaufst du für deine Garderobe besonders gerne ein? Gibt es Bestandteile, bei denen es dir ausgesprochen leicht fällt? Andere, bei denen es umgekehrt ist?
Ich bin dauernd auf der Suche nach der perfekten schwarzen Hose oder dem idealen schwarzen Rollkragenpulli. Mal ist das einfach, mal nicht. Mäntel und Jacken finde ich einfacher als Pullover. T-Shirts hasse ich — sie sind mir zu wenig elegant.
Grundsätzlich suche ich Harmonie, die perfekte Silhouette etwa, und dabei kommt es auf das Zusammenspiel mehrerer Elemente an.
Hast du eine Lieblings-Alltagstasche oder je nach Laune wechselnde?
Obwohl ich versuche abzuwechseln, trage ich oft lange die gleiche Tasche mit mir rum. Aktuell vor allem eine vintage Prada-Ledertasche in cognac und die Fendi Peekaboo in schwarzem Leder, die ich aus zweiter Hand gekauft habe.
Dein Verhältnis zu Schuhen?
Wie bei allen Tänzerinnen kompliziert. Ich liebe Schuhe, kann aber lange nicht jedes Modell tragen. Im Zweifel greife ich auf meine Bicolores von Chanel zurück.
Duft?
Chanel Coco — seit dem Tag, als es auf den Markt gekommen ist. Für mich ist das der Duft, für den im Englischen der Begriff “empowerment” benutzt wird. Er gibt mir Selbstvertrauen und Energie. In einem anderen Duft würde ich mich nicht erkennen.
Gibt es jemanden, die deinen Stil geprägt hat?
Nicht eine Person, eher die 50-er Jahre, Schwarz/Weiss-Filme und Eleganz als Idee.
Wie würdest du deinen Wohnstil beschreiben?
"Vintage Minimalismus". Ich brauche Luft und Raum und ich mag Details. Ich bearbeite mein Zuhause wie ein Bühnenbild.

Der Rest

Wie hörst du Musik?
Vorwiegend auf Youtube. Ich suche dauernd Neues. Da kommt es dann schon mal vor, dass ich mich verliere…
Auf welche Musik greifst du immer wieder zurück?
Ich höre bei der Arbeit so viel Musik, dass ich in meiner Freizeit Ruhe bevorzuge. Ruhe oder das Gurren von Turteltauben. Seit ich als Kind nachts oft mit Asthma wachgelegen bin, mag ich dieses Geräusch; es hat mir immer angezeit, dass der Morgen naht und ich bald nicht mehr allein in meinem Zimmer weilen muss.
Lieblingsbuch? Oder -AutorIn?
Uff. Wo beginnen…? Ich bevorzuge die Klassiker. Ich mag den Reichtum und die Finesse von Proust genau so gern wie den Symbolismus von Maurice Maeterlinck oder die Sinnlichkeit von Lawrence Durrell… Ich verehre Marguerite Yourcenar… Gabriel García Márquez ist Zauber…
Und dann ist da natürlich Simone de Beauvoir — sie mag ich als Frau und Liebhaberin, die sich in ihrer Leidenschaft verlieren kann ebenso wie als Intellektuelle. Vor Jahren habe ich mal ein Stück mit ihren Texten gemacht.
Lieblingszeitung/Zeitschrift?
Le Monde diplomatique. Internationale Politik interessiert mich sehr. Länder funktionieren heute allein nicht mehr, nur noch in Abhängigkeit voneinander. Das finde ich spannend, nicht zuletzt in Zusammenhang mit meinem Verein. 
Ich mag aber auch El País und die NZZ, obwohl die oft so verschwurbelt ist; insgesamt hat sie aber einen schönen Stil — gemeinsam geben mir die drei Titel eine ausgewogene Balance.
Lieblings-Instagram?
Ich schaue mir gerne stilvolle Inneneinrichtung in neutralen Tönen an. Das berührt und beruhigt mich. Perfekt dafür ist @tvoorstehuys.
Verkehrsmittel?
Der Zug. Ich liebe es, im Zug zu sitzen. Unterwegs im Niemandsland zwischen zwei Orten. Ich arbeite sehr gern und gut im Zug; die Geräusche — das Monotone, Hypnotische — inspirieren mich. Oft steige ich darum in einen Zug, wenn ich blockiert bin. Auch, wenn ich gar nirgends hin muss.
Deine letzte/nächste Reisedestination?
Ich war mit Dancers For The World gerade in Kenia. Da habe ich in den Kibera-Slums durch Tanz mit Kindern gearbeitet und versucht, ihnen eine Welt zu zeigen, nach der zu greifen es sich lohnt. Ich bin der Meinung, Menschen brauchen nicht allein ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen, sondern auch eine Vision, in der man selbst Platz hat.
Dein Drink-Klassiker?
Rotwein. Gerne einen Château Margaux oder eine Flasche aus Norditalien oder Ribera del Duero.
Catherine Habasque
September 2019
(c) She's Got A Gun