Männer in der Badi

Viel ist in den letzten Monaten über “den” in der westlichen Welt lebenden weissen Mann und sein Selbstverständnis geredet worden. Wir haben uns gefragt: Wie präsentiert er sich im Sommer 2018 in den öffentlichen Badis unserer Heimatstadt Zürich?
Eine Typologie an neun Sonnentagen.

28. Mai
Sorgfältig wird der ideale Platz ausgesucht. Nach gefälltem Entscheid ist das Badetuch der Kategorie “Werbegeschenk” schnell abgelegt und flachgezupft. Gesicht zur Sonne, Füsse einen halben Meter hoch an die Holzbrüstung. Die königsblauen Nylon-Shorts von unten und oben auf Speedo-Grösse gerafft; es scheint wichtig, dass die bleichen Lenden Sonne sehen. Dem Sonnenbad würde jetzt eigentlich nichts im Weg stehen, der Kopf ist von einer Dächlikappe in blau-weiss, die Augen von einer Sonnenbrille der Marke “habe ich schon lange” geschützt. Aber: Zuerst Workout. Sit-ups, dann Knie-zum-Kinn mit Händeklatschen hinterm Hintern. So 20, vielleicht. Dem Bauchansatz schadet das sicher nicht. Es folgt: Bewegungsloses In-der-Sonne-Liegen. Und nach einer halben Stunde: Der Abgang. 

Alter: Ende 50

30. Mai
Er kommt mit aufgeklapptem Laptop, fast könnte er ihn auf seinem Bauch abstellen. Aber er sucht Schatten — das Display: zu hell. Die Sonne… Die scheint ihm auch persönlich Probleme zu bereiten, hat er seine Dächlikappe — blau mit Emblem der Sorte “Akademie für…” — doch weit über Stirn und Augenpartie gezogen. Und die Badehose? Durch ein Frottee-Tuch in hochweiss ersetzt. So sitzt er, ein Bein aufgestellt, im schmalen Schatten-Streifen und tut, was man in der Badi tut, wenn man den Laptop dabei hat: wichtig. Zwischenzeitlich verschwindet er, kommt aber wieder, um — jetzt im Schatten eines Sonnenschirms — in bestem Schweizer-Hochdeutsch zu telefonieren. Immerhin hat er jetzt Badeshorts an. Rostrote. 

Alter: Anfang 60


31. Mai
Typ unkompliziert. Taubengraue Shorts bis knapp übers Knie, weisse Turnschuhe aus der Nicht-Hipster-Abteilung mit tiefen, aber sichtbaren grauen Socken. Rucksack und so eine Sportlersonnenbrille, die kein Lüftchen an die Augen lässt. Das T-Shirt schnell ausgezogen, die Schuhe weggekickt. Der Rucksack wird zu dem, was dem Cowboy in der Pause der Sattel ist — eine Rückenlehne. Wo andere zur Unterhaltung ein Buch mitbringen, zückt er sein rotes Handy; so eine Badi ist ja der allerbeste Ort, um die verpasste Nachrichten-Sendung nachzuschauen. Viele andere Besucherinnen und Besucher dürfen mithören. Ob sie wollen oder nicht. Wer will, kann auch die neon-gelbe Aufschrift auf der schwarzen Unterhose, die den Bund der Shorts übersteigt, lesen. Badehose ist hier ja optional.

Alter: Mitte 30

11. Juni
Montagmorgen und das Wochenende hat kein Ende. Mindestens, wenn man seine Badehose ansieht. Bunt wie eine Longdrink-Karte aus den 1980-ern, aber weniger lang. Grundton grün. Passt ganz gut zur stark gebräunten Haut, die wiederum in Kontrast zum grauen Haupthaar steht. In Kontrast zur morgendlichen Ruhe stehen seine Telefongespräche. Laut sind sie nicht, diskret aber ebensowenig. Ein Gegenüber am Telefon weiss offenbar, wo sich sein Gesprächspartner befindet; die Konversation endet mit “…hab’ ich schon, fehlt nur nach das Gel in den Haaren”. Sprichts, verschwindet in der Umkleidekabine und verlässt sie in sehr engen Jeans, Turnschuhen, hellblauem T-Shirt und …Gel in den Haaren.

Alter: Mitte 50


20. Juni
Die hellbeige Hose aus der Provenienz thailändischer Fischer nur einen Gelbstich dunkler als der blosse Oberkörper, ist er nicht zum Schwimmen gekommen, sondern um die Sonne zu begrüssen. Während er sich ganz vorne in der Badi auf seiner Yogamatte dem See zuwendet, damit er freien Blick aufs Wasser hat (und die andern Badegäste auf ihn, vielleicht?), steht die Sonne zwar links hinter ihm, doch das hindert ihn nicht daran, seine Asanas wieder und wieder zum Surya Namaskar, dem Sonnengruss der Yogis, zusammenzuführen. Seine Hose gibt ihm alle Bewegungsfreiheit, die er dafür braucht.

Alter: Anfang 40


26. Juni
Er steht am Kiosk. Sein schmaler Körper steckt in einer knappen orangen Badehose mit dynamischen schwarzen Punkten, auf den grau-schwarzen Haaren sitzt eine beige Dächlikappe, auf der Nase eine kleine Sehbrille mit Metallrand. Seine Bestellung managt er neben einem Anruf in lingua italiana. Er könnte noch einen zweiten entgegen nehmen — das suggeriert wenigsten das zweite Handy, das er dabei hat. Il borsellino erinnert an das von Kellern; es ist schwarz und sehr, sehr gross. Um die Hände für Telefone und Getränk frei zu haben, steckt er es sich mit routinierter Geste hinten in die Badehose. Die Blicke der hinter ihm Wartenden verraten: Diese Einsicht war bedeutend zu viel visuelle Information. 

Alter: Ende 50

28. Juni
Voll bekleidet betritt er die Badeplanken. Schlüpft aus den Leder-Espadrilles (orange-schwarz), der Leinenhose (schwarz) und dem T-Shirt (schwarz). Zum Vorschein kommen Badeshorts in: schwarz. Sein Badetuch dagegen: Weiss mit kunterbuntem Muster; auf den dritten Blick ist zu erkennen, dass es ein Tinguely-Motiv ist. Zuerst wird sorgfältig, nein, akribisch Sonnencrème aufgetragen. Körper: SPF 30, Füsse: SPF 50. Dann wird Zeitung gelesen, ab und zu löst das Kopfschütteln aus, bisweilen ein Lächeln. Irgendwann ist Zeit für Kaffee. Um sich den zu holen, zieht er sich das T-Shirt über; sobald er zurück ist, wieder aus. Die Sonne wartet und der Rest der Zeitung. Erst als die ausgelesen ist und der Kaffee ganz, ganz leer, ist Zeit für den Sprung ins Wasser.

Alter: Ende 40


4. Juli
Er mag offensichtlich Firmengeschenke. Das T-Shirt trägt das Erkennungszeichen einer Versicherung, der Rucksack einer Laufveranstaltung, das Badetuch eines Eishockey-Teams. Dazu eine khakifarbene Dreiviertel-Hose mit Gummizug an der Wade und eine nur einen Ton hellere Dächlikappe. Die Schuhe eine braune Mischung aus sportlich und gesund. Lesen tut er eine Gratiszeitung. Zum Schwimmen gehts in dunkelgrauen Shorts mit rotem Pfeilmuster an der äusseren Beinnaht. Und mit Schwimmbrille. 

Alter: Ende 30


8. Juli
Zuerst fällt der rote Bart auf. Akkurat gestutzt. Flankiert von ein paar Tattoos aus der geometrischen Ecke und einem in die Haut gestochenen Totenkopf, der vielleicht mal bad boy sagen sollte. Heute sagt das Büsi auf der schwarzen Dächlikappe was; die Botschaft ist aus der Entfernung aber nicht zu entziffern. Die Logos auf der Sonnenbrille (Ray Ban) und auf dem Getränkefläschli (Rivella. Blau) schon. Der Mann hat einen Traum. Das suggeriert mindestens seine Lektüre, in der er, in dunkelblauer Badehose und mit dem Kopf auf einem halbaufgeblasenen Badeball eines Lokalradios, blättert: Cabin Porn. Es geht um Hüttli in der Natur. Ein moosgrünes Badetuch, ein paar durchgelatschte Birkenstock-Sandalen und ein lila Mini-Rucksack sind schon Realität.

Alter: Anfang 30