Bücher

Vulva-Vielfalt
(aus unserer Ausgabe vom 25. April 2019)

Auf Instagram gibt es sie schon länger, die Vulva Gallery. Illustrationen, die Vulven aller Art zeigen und feiern. Ein grossartiges Projekt der Amsterdamer Illustratorin Hilde Atalanta (oben).

Jetzt auch als Buch erhältlich.

Lieblingsthemen
(aus unserer Ausgabe vom 9. April 2019)

Zwei meiner Lieblingsbeschäftigungen — Im-Café-Sitzen und Sommerschwimmen — aufbereitet im Lieblingsmedium Buch.

“A Rich Brew — How Cafés Created Modern Jewish Culture” lässt kaum ein Café zwischen Warschau, Berlin und New York aus, in dem je ein jüdischer Schriftsteller (ja, vor allem männliche) einen Kaffee bestellt hat. Dabei geht es einerseits um die Theorie, dass Cafés massgeblich zur liberalen Aufklärung beigetragen haben, weil hier der freie Austausch ausserhalb dessen, was wir heute als Filterblase kennen, möglich war. Andererseits um das Café als “third space” — den Fluchtort, in dem wir weder in der Öffentlichkeit noch im Privaten sind. Und natürlich schwingt das Bedauern mit, dass heute in Cafés der zwischenmenschliche Austausch kaum mehr gepflegt wird; mindestens nicht der direkte, starren viele ZeitgenossInnen heute doch lieber auf einen Bildschirm, statt sich miteinander zu unterhalten. (Wir könnten uns ja vornehmen, das wieder zu ändern.)

Dass viele von uns bei der Lektüre dieses Buchs eine Wissenslücke in Sachen jüdischer Kultur schliessen dürften, macht es nur interessanter. 

“Floating: A Life Regained” bringt uns an 77 Orte in Grossbritannien, an denen man vorzüglich schwimmen kann —Flüsse, Seen, Bäder, Moore, Graften und andere Kanäle aller Art. Das ist insofern grossartig, als dass es gerade viele Gründe gibt, die Inseln wieder mal zu besuchen, es an den dortigen Schwimm-Orten meist weniger voll ist als zu Hause und wir den Weg dorthin auch finden, ohne ein Flugzeug zu besteigen.

Die nackte Realität
(aus unserer Ausgabe vom 25. Fabruar 2019)

Erst waren es Brüste, dann Penisse und jetzt Vulven. In ihrem neusten Buch “womanhood: the bare reality” hat Fotografin, Künstlerin und Autorin Laura Dodsworth die Vulven von 100 Frauen, ihre eigene inklusive, fotografiert und die Geschichten dazu festgehalten.

Wie richtig und wichtig das ist, wird klar, sobald zwei Menschen über diesen Körperteil reden — oder es versuchen.

Ankes Doppel
(aus unserer Ausgabe vom 21. Januar 2019)

Hier sind zwei Bücher, die wie Anti-Instagram-Romane wirken. Nicht, weil sie das soziale Medium kritisieren würden. Nein, weil sie ehrlich sind, echt und unperfekt. Sprachlich nicht so geschliffen und selbstverliebt wie bei Juli Zeh oder Doris Knecht — in “Schäfchen im Trockenen” heisst es sogar, es sei “das Gegenteil eines gut gebauten, elegant komponierten Romans”. Inhaltlich dafür präzis. Scham- und vor allem schonungslos. Zergliedernd. 

“Bodentiefe Fenster” ist schon 2015 erschienen. Sandra erzählt aus dem Leben in einer Baugruppenhausgemeinschaft. Einem dieser Selbstverwirklichungs-Wohnprojekte, wie sie verblendete Alt-Hippies, unbefangene Kreative und experimentierfreudige Familien lieben. So mit grundsätzlich offenen Türen, Gemeinschaftsgarten und vordergründig viel Verständnis für andere.

In “Schäfchen” (2018) ist Resi die Protagonistin. Sie beschreibt, erst in einem Artikel, dann in einem ganzen Buch, das Zustandekommen und die Zustände in der Baugruppengemeinschaft ihres Freundeskreises. Von Aussen — sie und damit ihre sechsköpfige Familie hatte den guten Sinn, sich nicht daran zu beteiligen, bzw. nicht das Geld, es zu tun. Die Beschriebenen fühlen sich von Resi benutzt, exponiert. Ach was: verraten. Nicht zuletzt wohl aber durchschaut. Daraus resultiert beleidigte Wut und im Fall von Frank, der in Form eines Untermietvertrags einen Hebel bewegen kann, eine Strafe: Er kündigt die Wohnung, in der Resi und Co. wohnen. Also nicht nur Ausschluss aus dem bisherigen Freundeskreis, sondern, so ist das inzwischen in Berlin, auch raus aus dem S-Bahn-Ring. 

Gemeinsam haben beide Romane den steten Blick ihrer Protagonistinnen auf die Generation ihrer Mütter sowie die Beziehung zwischen Mutter und Kind — auf beide Seiten: Zur eigenen Mutter und zu den eigenen Nachkommen. Auch das: Schonungslos offen und als LeserIn nicht immer leicht auszuhalten. “Schäfchen” ist im Kern Resis innerer Monolog, gerichtet an Bea, ihre Älteste.

Andere zentrale Themen sind beschädigte Freundschaften, das Bedürfnis, einer Wahl-Gemeinschaft anzugehören, Zweifel an der Richtigkeit, eine Familie gegründet zu haben. In “Bodentiefe” auch die Beziehung zur eigenen Schwester. Vorab in “Schäfchen” die Herkunft aus unterschiedlichen Milieus.

In beiden Büchern müssen wir unbeteiligte Männer (Sven vertraut in der “Erziehung” seiner vier Kinder auf Selbstwirksamkeit.) und Emotions-Krüppel (Tom hat an Weihnachten aus seinem Zimmer eine SMS geschickt, dass er doch nicht zur Bescherung mit den beiden gemeinsamen Kindern in die Küche kommen kann.) aushalten.

Kinder heissen Bo. Oder Fritz.

Und dann wird da in “Bodentiefe” auch noch aus Volker Ludwigs “Banana” von 1976 zitiert: Es gibt eine Waffe, die kann man nicht zerbrechen / es gibt eine Waffe, die nimmt dir keiner weg. / Die Waffe heisst lesen, erkennen und verstehen / Zeichen, Worte, Sätze, und was dahinter steckt. / Gebrauche diese Waffe, mit ihr erlangst du, was die Herren fürchten wie die Pest: die Wahrheit über sie.

Zusammen mit dem Verlag mit dem sympathischen Logo haben wir die beiden Bücher verlost.

No More Bullshit
(aus unserer Ausgabe vom 12. Dezember 2018)

Oh die Ignoranz, die aus Aussagen wie “für diese Podiumsdiskussion haben wir leider keine Frauen gefunden” spricht. Die Einfältigkeit, die hinter „sei nicht so hysterisch“ steht. Die Muster, die für Sätze wie “biologisch gesehen haben Frauen und Männer eben unterschiedliche Kompetenzen” sorgen. Das Reaktionäre, das den Mann “als starkes Geschlecht” weiterleben lässt… Dies nur ein paar Beispiele für deformiertes Verhalten auf Grund nicht korrigierter Denkfehler. 

In “No More Bullshit — das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten” vom österreichischen Frauennetzwerk Sorority gibt es jetzt auf knapp 180 Seiten geschickte praktische Handlungsempfehlungen, um antifeministischer Haltung gekonnt zu entgegnen. 

Statt sexistischen Parolen immer wieder Argumente entgegenzuhalten, sollten wir aber vielleicht einfach verlangen, dass diejenigen, die sie aussprechen, das Buch lesen. Der halb entschuldigende Satz “verstehst du keinen Spass?”, den Männer gerne nachschieben, wenn man sie auf verbale Unzulänglichkeiten anspricht, ist dabei überflüssig.

Drei Exemplare haben wir unter unseren Abonnentinnen verlost.

Am I There Yet?
(aus unserer Ausgabe vom 27. November 2018)

“Am I There Yet?” ist das erste Buch von Mari Andrew. Sie teilt darin ehrlich und selbstironisch Geschichten über Ungewissheit, Verlust, die allgegenwärtigen Empfindlichkeiten und nie endende Suche auf dem verschlungenen Weg zum Erwachsenwerden.

Häppchenweise gibt es das (natürlich) auch drüben bei Instagram

Slouching Towards Bethlehem
(aus unserer Ausgabe vom 5. September 2018)

Vor 50 Jahren ist mit “Slouching Towards Bethlehem” eine Sammlung mit Essays von Joan Didion erschienen. Journalistische Texte, alle vorher in verschiedenen Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlicht; Didion war Anfang 30, als sie die Texte verfasst hat. Im Vorwort sagt sie: “My only advantage as a reporter is that I am so physically small, so temperamentally unobtrusive, and so neurotically inarticulate that people tend to forget that my presence runs counter to their best interest. And it always does. Writers are always selling somebody out.”

Didions Geschichten definieren den Zustand der USA während der Revolution der späten 1960-er. Während einer Zeit des Umsturzes also. Natürlich kommen beim Lesen Fragen nach Parallelen zum Heute auf. Zum Heute hier wie drüben. Natürlich sucht man nach Erklärungen für Entwicklungen während der 50 Jahre, die seit Erscheinen des Buches vergangen sind.

In der Titelgeschichte begibt die Autorin sich nach Haight-Ashbury in San Francisco; damals ein Zentrum der Gegenkultur. Dort begegnet sie unter anderem Barbara über die es heisst: Most of the time she keeps house and bakes. “Doing something that shows your love that way,” she says, “is just about the most beautiful thing I know.” Didions Kommentar: Whenever I hear about the woman’s trip, which is often, I think a lot about nothin’-says-lovin’-like-something-from-the-oven and the Feminine Mystique and how it is possible for people to be the unconscious instruments of values they would strenuously reject on a conscious level.

Im grösseren Zusammenhang schreibt sie über die Rebellierenden: They are less in rebellion against the society than ignorant of it, able only to feed back certain of its most publicised self-doubts. … They feed back exactly what is given them. Because they do not believe in words. … Their only proficient vocabulary is in the society’s platitudes.

In “7000 Romaine, Los Angeles” knüpft Didion sich den damaligen Super-Bonzen Howard Hughes vor und fragt, warum man Geschichten über Typen wie ihn so mag: Why have we made a folk hero of a man who is the antithesis of all our official heroes, a haunted millionaire out of the West, trailing a legend of desperation and power and white sneakers? 

Joan Didion Slouching Towards Bethlehem

Zum Schluss ein Beispiel aus dem sehr persönlichen Essay “On Going Home”: Sometimes I think that those of us who are now in our thirties were born into the last generation to carry the burden of “home”, to find in family life the source of all tension and drama.

Da hat sie sich zweifellos getäuscht. Unartikuliert aber ist das alles nicht.

Einer der klügeren Köpfe, die sich in deutscher Sprache auf Twitter äussern, ist die Journalistin, Kolumnistin und Autorin
Silke Burmester.

Sie ist ganz einfach zu finden unter @SilkeBurmester.

Svenja Flasspöhler Die potente Frau

Die potente Frau
(aus unserer Ausgabe vom 28. Mai 2018)

Ich finde, die Debatte, die die Svenja Flasspöhler mit ihrer Kritik an der #MeToo- und ähnlichen Bewegungen angestossen hat, ist zu interessant, um sie nur kurz abzuhandeln.

Meiner Meinung nach kommen wir nicht drum herum, uns der Debatte zu stellen, wenn #MeToo und Co. mehr sein sollen als Empörungs- und Betroffenheits-Vehikel. Wenn wir die Bewegungen dazu nutzen wollen, echte Veränderung herbeizuführen. Veränderung wohlgemerkt, die beim Individuum beginnt.

Worum geht es? Svenja Flasspöhler hat unter dem Titel “Die potente Frau” eine Streitschrift verfasst, die den Untertitel “Für eine neue Weiblichkeit” trägt. Darin kritisiert sie, was sie den Hashtag-Feminismus nennt — Initiativen, die “unterkomplex argumentieren und patriarchale Denkmuster wiederholen”.

Eine der zentralen Fragen, die sie aufwirft, ist: Was tragen Frauen selbst zur Festigung männlicher Macht bei?

Die wichtigsten Punkte ihrer Kritik (die, das möchte ich vorweg nehmen, vor Situationen wie Vergewaltigung oder Nötigung und Härtefällen wie materieller Abhängigkeit, in denen Frauen keine Chance oder Alternativen haben, die Augen nicht verschliesst, sie aber argumentativ hinten an stellt):

Ist die durch #MeToo suggerierte sexuelle Übergriffigkeit heute wirklich das zentrale Problem von Frauen? Was ist z. Bsp. mit den Löhnen? Aber klar: Sex und Co. finden einfacher mediale Verstärker.

#MeToo vereint Überschreitungen unspezifisch. Das Spektrum reicht von dummen Sprüchen bis zu körperlicher Gewalt. Dadurch entsteht der Eindruck systematischer Unterdrückung und der zementiert althergebrachte Strukturen neu: Männer beherrschen Frauen. Und: Es fehlen die Abstufung nach Situationen, in denen Frauen Handlungsoptionen gehabt hätten oder Zeichen dafür, für was für eine Welt eigentlich gekämpft wird. Etwa die komplett verführungslose?

Frauen verharren oft in stummer Passivität und schieben, wenn alles vorbei ist, ein #MeToo nach. Das festigt ein tief patriarchal geprägtes und von Passivität und Negativität gezeichnetes Frauenbild, statt es aufzubrechen. Das nachträgliche Anprangern von Überschreitungen, die man potentiell hätte verhindern können, ist mit einem selbstbestimmten Verständnis von Emanzipation nicht vereinbar.

#MeToo verhärtet die Fronten, weil es den konstruktiven Dialog meidet. Kommuniziert wird einseitig über den Hashtag; Äusserungen von Männern sind nicht vorgesehen. Männer werden zum Objekt degradiert und auf ihre triebgesteuerte Natur reduziert. Das ist dem mittelalterlichen Pranger nicht unähnlich; das Resultat also im Gewand des Fortschritts daherkommender Rückschritt.

In #MeToo schreiben Frauen sich libidinös eine rein passive Rolle zu. Über das Begehren der Frau erfahren wir nichts.

Der Hashtag-Feminismus erwartet alles von den Männern beziehungsweise vom Staat, aber nichts von den Frauen selbst.

Flasspöhler äussert ihre Kritik allerdings nicht, ohne eine Einladung zum Gedankenspiel und ein Plädoyer für einen anderen, offensiven Begriff von Weiblichkeit und weiblicher Sexualität. Die titelgebende potente Frau ist zwar (noch) nicht Realität, sie ist aber auch kein unerreichbares Ideal. Sie ist eine Möglichkeit.

Was wäre also, wenn Frauen alle Möglichkeiten, die ihnen bereits heute offen stehen, nutzen würden? Schliesslich leben wir heute in einer Wirklichkeit, die von Frauen aktiv mitgestaltet werden kann.

Flasspöhlers potente Frau realisiert ihr eigenes Potential. Sie wird endlich die, die sie sein will und realisiert das Mögliche im Wirklichen.

Sie gestaltet die Gegenwart und Zukunft mit — aktiv, offensiv, umwälzend.

Sie hört auf, die männliche Macht zu stützen, indem sie sich und andere Frauen schwächer macht, als sie sind.

Die potente Frau befreit sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit und ergreift die ihr durch den bisherigen Emanzipationskampf bereitgestellte Möglichkeit zu einer selbstbestimmten Existenz — oder versucht es zumindest ernsthaft.

Sie wandelt die althergebrachte Begehrensökonomie und bringt sich selbst in die Potenz, in eine aktive, offensive Sexualität. Sie begreift sich nicht als Spiegel des Mannes, sondern verfügt über ein eigensinniges Begehren. Sie erschöpft sich nicht darin, dem Mann zu gefallen, sie schiebt ihm aber auch nicht die Schuld für ihre eigene Passivität zu. Die potente Frau wertet die Sexualität des Mannes nicht ab, sondern die eigene auf. Sie hasst den Mann nicht für seinen Willen, sondern befreit den ihren aus der jahrhundertelangen Latenz. Hier liegt ihre individuelle Verantwortung im Kampf um eine selbstbestimmte Weiblichkeit.

Flasspöhler ermutigt Frauen aber nicht nur im Sexuellen zur Aktivität; das Sexuelle soll auch ins Existentielle, ins Berufliche hineinwirken.

Svenja Flasspöhler
Svenja Flasspöhler ist Journalistin und Philosophin. Aktuell ist sie Chefredakteurin des Philosophie Magazins und verantwortet — zusammen mit drei Männern — das Programm der Phil.cologne.

Im besprochenen Band gelingen ihr parallel zum Hauptanliegen interessante Exkurse zum Thema Weiblichkeit; etwa, wenn sie mit der Mär des Geschlechts der Frau als passives Organ aufräumt und die Vulva mit “ihrer produktiven, progressiven und umfassenden Kraft, die der männlichen — auch, wenn sie andersartig ist —, in nichts nachsteht”, rehabilitiert.

Annemarie Schwarzenbach
(aus unserer Ausgabe vom 18. Mai 2018)

Nächsten Dienstag jährt sich zum 110. Mal der Geburtstag von Schriftstellerin, Reisereporterin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach — einer Frau, die sich dadurch definierte, dass sie sich weigerte, definiert zu werden.

Annemarie Schwarzenbach, 1908-1942
Annemarie Schwarzenbach, 1908-1942
Annemarie Schwarzenbach, 1908-1942
Der Ford, in dem Schwarzenbach und Maillard 1939 von Genf nach Afghanistan unterwegs waren; Fotos eines Afghanen bei Samangan mit Schwarzenbachs Schatten;
Annemarie Schwarzenbach mit Freundin in Potsdam, 1934

Am 23. Mai 1908 in Zürich geboren, wusste sie schon mit 17, dass sie schreiben wollte. Grundlage für ihre spätere Arbeit war das Geschichtsstudium in Paris und Zürich; bereits im Sommer 1931 erlangte sie ihren Doktortitel. Anschliessend zog es sie nach Berlin, wo sie Erika und Klaus Mann begegnete, mit denen sie erste Erfahrungen mit Morphium macht, von dem sie, trotz vieler Entziehungskuren,bis zum frühen Unfalltod mit 34 nie wieder weg kam. 

Definierende Elemente in Schwarzenbachs Leben waren das Spiel mit der Identität, auch der sexuellen, sowie das Reisen. In der Einführung zu ihrem Buch “Der bittere Weg”, das die gemeinsame Autoreise mit Schwarzenbach von Genf nach Afghanistan im Jahr 1939 nacherzählt, schreibt Ella Maillart: “Und so liess sie (Schwarzenbach) sich treiben, mal Autorin, mal Muse, mal Archäologin. Mal Junge, mal Mädchen." Man könnte wohl auch einfach sagen, das definierende Element des Lebens von Annemarie Schwarzenbach war: Die Suche.

Zum Einstieg in Schwarzenbachs Werk empfehle ich den dünnen Band “Eine Frau zu sehen”, der (erst) zu ihrem 100. Geburtstag erschienen ist.

Schwarzenbach Eine Frau zu sehen

Hosen, oder?
(aus unserer Ausgabe von 26. Februar 2018)

Was ziehst du zur Arbeit an? Was du willst, hoffentlich; es sei denn, aus praktischen Gründen ist etwas anderes vorgesehen. Morgen erscheint mit Dress Like A Woman ein neuer Bildband, der sich in über 300 Motiven mit der Arbeitskleidung von Frauen im Lauf der Zeit auseinandersetzt. Vielleicht kein Beitrag zur ewig nervenden Frage "was geht?", wenn es um Kleidung geht; bestimmt aber ein Buch, das man Generationen und Geschlechter übergreifend teilen kann.  

Dress like a woman abrahams & chronicle
Ambulanz-Ärztinnen Cornelia Meaders und Alice Lewis 1915 in New York City; Stahlarbeiterinnen 1942 in Kalifornien; Niloofar Rahmani, 23, Afghanistans erste weibliche Pilotin 2015 in Kabul.
Alle Bilder aus dem besprochenen Band.

Gebrochenes Deutsch
(aus unserer Ausgabe vom 10. Januar 2017)

Ein deutschsprachiges Buch, das richtig Spass macht. Wobei "deutsch" hier relativ ist, denn das Werk des israelischen Schriftstellers Tomer Gardi heisst nicht nur Broken German, es ist auch in genau dieser Sprache verfasst, in gebrochenem Deutsch. Ganz einfach, weil das das Deutsch ist, dass Gardi, dessen Muttersprache Hebräisch ist, sich angeeignet hat. Strassendeutsch. In dieser seiner ganz eigenen Sprache denkt er über interessante Themen nach; etwa über die Frage, ob ein Jude im Jüdischen Museum (in Berlin) automatisch zum Ausstellungsstück wird. Oder er sinniert über das Leben in Berlin, erinnert sich an seine Kindheit, beschreibt, wie kompliziert es sich gestalten kann, sein Lieblingsbier zu bestellen.

Inhaltlich interessant, ist es vor allem Gardis Sprachgebrauch, der viel Spass macht. Einerseits ist sein Text voller grammatikalischer Fehler — Strassendeutsch eben. Und andererseits denkt er über die deutsche Sprache in Gedankengängen nach, die uns als Muttersprachlern kaum einfallen würden. Diese Kombination macht Broken German, wie ich finde, gerade für Liebhaber der deutschen Sprache zum einem leichten, frohen Genuss.

Tomer Gardi Broken German

Leseprobe
Wie es aber oft in geschichten ist, ein Messer der im ersten Akt an Wand hängt, dann verschwindet, wird im dritten Akt wieder irgendwo auftauchen. Ein literarische trick und regel. Der Author steckt im Geschichte eine kleine, alltägliche, unauffälige detail. Im ersten Blick können es nur die klugste, die aufmerksamste, die meist gebildene und erfahrene Lesern entdeken. Die anderen, die ja die fast absolute Mehrheit sind, geht es völlig vorbei.

Wie läufts sexuell?

Wie sieht das Sexleben anderer aus? Darauf geben jede Woche die Sex Diaries des New York Magazine Auskunft. Anonyme Protagonistinnen und Protagonisten zeichnen eine Woche lang ihre sexuellen Erlebnisse (und Gedanken) auf. Wir bekommen etwa Einsicht in das Leben der Professorin, die in der Bibliothek sextet, des jungen Vaters, der seine Orgasmen outsourct oder der 25-Jährigen, deren Telefon beim Sex drauf geht. Direkt, freizügig, aufschlussreich. Und ja, auch etwas voyeuristisch.

In mir ist Kraft von Revolvern
(aus unserer Ausgabe vom 25. November 2016)

Ab und zu begegnet uns ein Buch, das uns wegfegt. Mir ist es Ende Sommer mit Irmgard Keuns Roman Das kunstseidene Mädchen mal wieder so gegangen.  Und nicht nur, weil wir darin aus dem Mund einer 18-Jährigen hören "In mir ist Kraft von Revolvern".

Irmgard Keun Das kunstseidene Mädchen

In ihrem 1932 erschienenen Roman erzählt Keun (1905-1982) von der 18-jährigen Doris, die 1931 in einfachen Verhältnissen in der deutschen Provinz lebt und von einem Leben "wie im Film" träumt. Ohne (Aus-)Bildung erkennt sie vor allem in Männer-Bekanntschaften die Chance zum sozialen Aufstieg. Allerdings durchschaut sie sie schnell, die Männer; erkennt "ihre Eitelkeit, ihre Aufgeblasenheit und ihre sexuelle Gier" und entwickelt einen ganz eigenen, für die damalige Zeit geradezu revolutionären Moralbegriff. Doris stiehlt einen kostbaren Pelz und flieht nach Berlin, um dort "ein Glanz" zu werden. Dort ist es dieser Pelz, über den sie weite Teile ihres Lebens definiert, stellt er für sie doch die Eintrittskarte zur so genannt besseren Gesellschaft dar.

"Wie im Film" wolle sie leben, verrät die Protagonistin der Leserin und Keun hat ihr — vollkommen neu für die damalige Zeit — die temporeiche Sprache dazu verliehen. Und den Mut, sie mit einer Direktheit anzureichern, die nicht nur zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis führt, sondern auch dazu, dass wir Doris sofort ins Herz schliessen. Da fliegen uns Sätze entgegen wie "Mein Herz ist ein Grammophon und spielt aufregend mit spitzer Nadel in meiner Brust, die ich nicht habe, weil es sich gemein anhört nach Kindernähren und alter Sängerin von Opern (…)", "Er hätte auch Grundsätze: Männer dürfen und Frauen dürfen nicht. Nun frage ich mich nur, wie Männer ihr Dürfen ausüben können ohne Frauen? Idiot." oder "Ich wusste, was es heisst, Glück zu haben — nämlich einem Menschen zu begegnen in den drei Minuten am Tage, wo er gut ist."

Good Night Stories for Rebel Girls

Das Anti-Prinzessinnen-Gute-Nacht-Buch
(aus unserer Ausgabe vom 10. November 2016)

Erzählen wir Mädchen nicht weiterhin, dass eines Tages ein Prinz angeritten kommt. Good Night Stories for Rebel Girls vereint 100 Gute-Nacht-Geschichten, die von inspirierenden Frauen handeln und ist mit Werken von 100 Illustratorinnen bebildert.

Hinter dem wunderbaren Buch stehen Elena Favilli und Francesca Cavallo, die das Projekt über Crowd Funding finanziert haben. 

Tough Cookie
(aus unserer Ausgabe vom 17. Juni 2016)

Wir finden, es braucht mehr Frauen wie die Serienheldinnen Carrie Mathison, Claire Underwood, Olivia Pope, Jessica Jones, Alicia Florrick und so ziemlich alle Chirurginnen bei Greys Anatomy. Schlaue, toughe Cookies, die - abgesehen von Eiskönigin Underwood - auch mal Schwäche zeigen können, was sie umso sympathischer macht.

Wer mit allen Staffeln up-to-date ist und nun serienmässig etwas auf dem Trockenen sitzt - warum nicht mal ein paar Bücher binge-lesen: In den Krimis von Ian Hamilton spielt die unerschrockene Ava Lee die Hauptrolle. Die chinesisch-kanadische Agentin spürt im Auftrag reicher Kunden deren abhanden gekommenes Geld auf, jagt Betrüger und Ganoven durch die ganze Welt und bringt sie mit viel Smartness oder einem asiatischen Kampfsportgriff zur Strecke. Hält sie inne, trinkt sie gern Weisswein oder isst mit ihrem Geschäftspartner in Hongkong eine Nudelsuppe, bevor es temporeich weitergeht. Man kommt kaum dazu, die Bücher aus der Hand zu legen.

Bisher sind acht Geschichten über Ava Lee erschienen; vier davon im sympathischen Schweizer Kein & Aber-Verlag auch auf deutsch.