Punk ist nicht tot.
Er wä
scht sich aber nicht und riecht drum so. 

Aus unserer Ausgabe vom 12. August 2016.
Punk lebt. Ein Wunschgedanke? Nicht musikalisch, da ist sein Einfluss ungebrochen. Ich denke da etwa an Savages (Anspieltipp: Shut Up), White Lung (Drown With The Monster) oder auch Algiers (Ironie. Utility. Pretext.). Aber gesellschaftlich...? Ich würde sagen, da geht 2016 noch was. Mehr Haltung. Herausfordernde Ideen. Das System nicht einfach als gegeben hinnehmen. Etwas Punk-Attitüde im Alltag kann auch heute, 40 Jahre nach Beginn der Punk- Bewegung, nicht schaden. Dies nicht zuletzt, weil Punk Frauen ein neues (artistisches) Selbstbewusstsein gegeben hat; ein Selbstbewusstsein, das nicht auf gutem Aussehen oder auf männlichen Vorbildern basierte. 


Diesen Sommer können wir auf 40 Jahre Punk-Geschichte zurückblicken. Im Sommer 1976 traten der von Popmainstream saturierten Welt Bands wie The Damned, The Clash oder die Sex Pistols aus England und die Ramones aus den USA entgegen. Ihr Musikstil war geprägt von Individualismus und Misstrauen gegen Autoritäten. Wie grossartig.
Sommer 1976 also. The Damned aus London veröffentlichen die erste britische Punksingle "New Rose". Neue Rose? Neurose. "I got a feeling inside of me/It’s kind of strange like a stormy sea/I don’t know why/I don’t know why/I guess these things have got to be" heisst es da aus dem Mund von Sänger Dave Vanian, der bisher als Totengräber gearbeitet hat. In 2 Minuten und 42 Sekunden wird eine neue Musik-Ära eingeläutet. 
In New York erscheint das Debütalbum der Ramones, die sich unter anderem mit Auftritten im CBGB einen Namen gemacht haben. Der Auftaktsong ist "Blitzkrieg Bop", dauert 2 Minuten und 12 Sekunden und beschreibt nichts schönes. Provokation ist ein prägendes Stilmittel des Punk, genau wie Tempo und Lautstärke.
In der British Library in London läuft als Teil von Punk London noch bis Anfang Oktober die gross angelegte Schau "Punk 1976–78". In deren Rahmen meinte Viv Albertine, Gitarristin der allerersten britischen Frauen-Punkband The Slits kürzlich, durch Punk sei schlechte Laune auf der Bühne erst möglich geworden. Für sie sei 1976 und 1977 die wichtigste Zeit ihres Lebens gewesen. Am meisten habe ihr die "antiemotionale Doktrin" des Punk gebracht: Niemals Händchen halten in der Öffentlichkeit. Das habe ihr als Frau Selbstbewusstsein verschafft.
Nostalgie ob der schlechten Hygiene ihrer männlichen Musikerkollegen dagegen empfinde sie übrigens nicht. 

PS:
Wir können nicht über Punk reden, ohne die Schweizer Band Kleenex (später, nach der lächerlichen Klage eines Papiertuch-Herstellers: LiLiPUT) zu erwähnen. Kleenex war zwar nicht eigentlicher Teil der Punk-Bewegung, jedoch davon beeinflusst und in ihrer Haltung schwang definitiv eine gute Portion Punk mit. Im Song "Hitch-Hike" etwa geht es um die ständige Angst von Frauen im öffentlichen Raum und um die Bedrohung durch die so genannt anständige Gesellschaft. Haltung eben.